Am Anfang steht ein Text, der zunächst wie eine Liste von Forderungen klingt. Marco liest Jesaja 58,5–12: Fasten, sagt Gott durch den Propheten, ist nicht Kopf-hängen-lassen und Asche-Streuen. Wahres Fasten sieht anders aus: Fesseln lösen, das Joch von den Schultern nehmen, Hungrige an den eigenen Tisch holen, Obdachlose ins eigene Haus aufnehmen. Und dann, fast unvermittelt, kippt der Text: Wer das tut, dem geht das Glück auf wie die Morgensonne, dem antwortet Gott, wenn er ruft, der wird wie ein Garten sein, der nie austrocknet.
Genau in diesem Kippen liegt für Marco und Gofi der erste interessante Punkt. Warum, fragt Gofi, schrecken wir vor etwas zurück, das uns doch offensichtlich guttäte? Marcos Antwort: Es ist schlicht nicht intuitiv. Wer etwas abgibt, hat rein rechnerisch weniger als vorher – so würde man es aus Lebenserfahrung erwarten. Der Text behauptet aber das Gegenteil: Teilen macht reicher, nicht ärmer. Diese Umkehrung der gewohnten Logik ist es, die das prophetische Wort so beharrlich wiederholen muss – bei Jesaja, bei Amos, an vielen Stellen der prophetischen Bücher. Offenbar war und ist diese Botschaft nie selbstverständlich.
Kunst als Modell des Teilens
Von hier aus springt das Gespräch zur Kunst – und der Sprung ist weniger weit, als er zunächst scheint. Marco beschreibt, wie ein Kunstwerk einen Moment, ein Gefühl konserviert und über die Zeit hinweg weiterträgt, wie eine Flaschenpost: Man kann Jahrzehnte oder Jahrhunderte später vor einem Bild stehen und etwas von dem spüren, was der Künstler beim Schaffen empfand. Das ist für ihn eine Form des Teilens, die genau der Logik von Jesaja 58 entspricht: Etwas von sich weggeben, andere daran teilhaben lassen.
Gofi bringt dafür ein eigenes Bild ins Gespräch: Kunst sei wie ein Raum, den man betritt. Dieser Raum kann im ersten Moment fremd wirken, ungemütlich, sogar merkwürdig – wie sein eigenes Bild einer grünen Antilope mit Boxhandschuhen und Heilig-Geist-Flämmchen. Aber gerade diese Fremdheit kann verbinden: Zwei Menschen, die gemeinsam vor einem befremdlichen Werk stehen und es gemeinsam befremdlich finden, sind einander dadurch näher gekommen.
Beide sind sich aber einig, dass dieses Raum-Öffnen kein Selbstläufer ist. Auch Kunst, die sich Offenheit auf die Fahnen schreibt, kann mit der Zeit „elfenbeinturmig“ werden: Theoretisch kann jeder zu einem Konzert oder einer Ausstellung kommen, praktisch sitzt dann doch nur das gewohnte Kulturpublikum im Saal. Marco zieht die Parallele zum Gottesdienst: Auch der ist nicht automatisch ein Raum für alle, nur weil er es theoretisch sein könnte.
Jesus als Künstler, der Raum öffnet
Der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des Gesprächs ist dann Jesus – nicht in erster Linie als Lehrer mit fertigen Antworten, sondern als jemand, der auf künstlerische Weise Räume aufmacht. Seine Gleichnisse, so Gofi und Marco, funktionieren wie Kunstwerke: Sie kommen fast nie mit einer angehängten „Moral von der Geschichte“ daher. Stattdessen bleiben sie oft offen – die Leute gehen weg und verstehen nicht, ärgern sich, diskutieren untereinander weiter. Genau das sei möglicherweise beabsichtigt: dass die Deutung im Dialog entsteht, nicht in einer fertigen Erklärung.
Gofi zitiert dazu die jüdische Neutestamentlerin Amy-Jill Levine, die sinngemäß schreibt: Wenn dich die Geschichten Jesu nicht stören, liest du sie falsch. Sie sollen herausfordern, an einen Punkt bringen, an dem man sich fragt, ob man das wirklich so stehen lassen kann. Als Beispiel dient das Gleichnis vom verlorenen Sohn: Die klassische Frömmigkeit fokussiert fast immer auf den jüngeren Sohn, der zurückkehrt und aufgenommen wird – der ältere Sohn, der sich über die vermeintlich billige Gnade ärgert, fällt oft ganz aus der Deutung heraus. Dabei ist gerade er, so Marco, das eigentliche Zielpublikum der Geschichte: die Frommen, die sich an Jesu Umgang mit „Sündern“ stießen.
Und Jesus öffnet Räume nicht nur erzählend, sondern ganz konkret beim Essen. Dass er sich mit Zöllnern und moralisch fragwürdigen Leuten an einen Tisch setzte, brachte ihm den Vorwurf ein, ein „Fresser und Weinsäufer“ zu sein – ein Vorwurf, den man niemandem macht, der als Asket gilt. Essen und Trinken war für Jesus offenbar eine ernsthafte, gelebte Form von Gastfreundschaft, keine Nebensache.
Das führt zu einer Rückfrage an Jesaja 58: Wer sind eigentlich die „Obdachlosen“, die man einladen soll? Gofi weitet den Begriff: Obdachlosigkeit kann auch geistlich sein – etwa bei Menschen, die postevangelikal geworden sind und eine geistliche Heimat verloren haben. Solche Menschen suchen ebenfalls nach Raum.
Was das für Gemeinschaft bedeutet
Als konkretes Beispiel für gelingendes Raum-Schaffen nennt Gofi eine Veranstaltung in Marburg, „Kunstpunkt“: eine offene Bühne, die trotz sinkender Kulturbeteiligung nach der Pandemie zuverlässig voll ist. Der Grund, vermutet er, liegt nicht in der gleichbleibenden Qualität des Programms, sondern darin, dass Menschen aktiv teilhaben wollen – als Publikum, das wohlwollend reagiert, aber auch als Menschen, die sich trauen, selbst etwas zu zeigen. Das braucht, so Marco, einen echten Safe Space: die Gewissheit, auch etwas Unfertiges zeigen zu dürfen, ohne ausgelacht zu werden.
Für Gofi liegt darin ein Bild für Gemeinde. Manchmal habe er bei solchen Veranstaltungen – ganz ohne dass es ein Gottesdienst war – etwas erlebt, das sich wie eine Gottesbegegnung anfühlte: heilig, heilsam, wichtig. Die Grenze zwischen Konzert und Gottesdienst verschwimmt dort, wo gemeinsam ein Raum eröffnet und mit Leben gefüllt wird.
Als praktische Konsequenz benennt Marco: Es geht nicht darum, für „die Verrückten“ nett noch ein Extra-Angebot zu schaffen, sondern Räume zu schaffen, in denen Menschen mit ihren eigenen, vielleicht eigenwilligen Ausdrucksformen sein dürfen – und die selbst wieder in der Lage sind, Räume für andere zu öffnen, die sich woanders nicht willkommen fühlen.
Gofi ergänzt einen Gedanken zur eigenen Vorbereitung: Fremdheit verliert an Bedeutung, sobald man den Blick auf die konkreten Bedürfnisse richtet, die Jesaja 58 in den Mittelpunkt stellt – Hunger, fehlende Bleibe, Not. Wer fragt „Was brauchst du?“ statt „Wer bist du?“, merkt schnell: Die eigenen Bedürfnisse und die des Gegenübers sind sich ähnlicher, als die Unterschiede von Religion, Herkunft oder Hautfarbe vermuten lassen. Genau darin liegt für ihn eine Brücke.
Zum Schluss zieht Marco eine Linie zurück zum Anfang der Bibel: Die Jesaja-Stelle greift zweimal das Bild vom Licht auf – Sonne am Morgen, Sonne am Mittag. Das erste, was Gott im Schöpfungstext tut, ist genau das: Licht werden zu lassen. Künstlerisches Schaffen, vermutet Marco, ist im Kleinen immer eine Nachahmung dieses großen Schöpfungsaktes – ob den Kunstschaffenden das bewusst ist oder nicht. Wer Räume öffnet, in denen andere sein und sich zeigen dürfen, handelt in diesem Sinn selbst schöpferisch.
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Fragen für das Gespräch in der Gruppe
1. Jesaja 58 verspricht, dass Teilen reicher macht statt ärmer. Wo in unserem eigenen Leben erleben wir diese Logik als besonders schwer zu glauben – und wo haben wir sie schon einmal bestätigt gefunden?
2. Gofi beschreibt Kunst als einen Raum, der auch fremd und befremdlich sein darf. Welche Rolle spielt Fremdheit in unserer eigenen Gemeinschaft – schrecken wir eher davor zurück oder lassen wir sie stehen?
3. Jesu Gleichnisse liefern selten eine fertige Erklärung. Was verändert sich, wenn wir eine biblische Geschichte bewusst offenlassen, statt sie sofort zu „dekodieren“?
4. Am Beispiel „Kunstpunkt“ wird ein Safe Space beschrieben, in dem Menschen Unfertiges zeigen dürfen. Wo in unserer eigenen Praxis (Gottesdienst, Gemeindeleben, Kleingruppe) gibt es einen solchen Raum – und wo fehlt er noch?
