von Jay

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. (Jeremia 29,11)
Habt Ihr auch das Gefühl, dass Hoffnung zurzeit ein rares Gut ist? Wenn ich momentan Nachrichten sehe, will ich am liebsten gleich wieder ausmachen. Ukrainekrieg, Klimakrise, ein Herr Trump, der sich wie ein Diktator und Kolonialherr aufführt, ein Viertel der Deutschen bevorzugt eine vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Partei? Das fühlt sich insgesamt alles nicht so gut an.
Wie steht es momentan um dein Hoffnungsbarometer, wenn du an die Zukunft unseres Landes denkst? Könnt ihr mal aufzeigen? Fünf Finger bedeuten, du siehst rosige Zeiten auf uns zukommen. Null Finger heißt: Das Ende ist nah! Eins, zwei, drei, vier – abgestuft, was dazwischenliegt. Denk mal kurz darüber nach.
Ich bin höchstens bei zwei. Die Zukunft macht mir große Sorgen. Und wie ich sehe, bin ich nicht alleine damit.
Vielleicht erst mal ein paar Begriffsdefinitionen.
Hoffnung: die zuversichtliche Erwartung, dass etwas Wünschenswertes eintreten wird.
Hoffnung: ein Energizer. Das, was Menschen weitergehen lässt. Wenn die Hoffnung stirbt, stirbt auch der Mensch.
Zweifel: die Fähigkeit, Aussagen oder Sachverhalte einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.
Zweifel: der Wunsch, den Dingen auf den Grund zu gehen. Die Grundfrage des Zweifels lautet: Wie verhält es sich wirklich? Deshalb fällt Zweiflern schnell auf, wenn etwas nicht stimmig ist.
Zweifel sind übrigens keineswegs das Gegenteil von Glauben. Das Gegenteil von Glauben ist Kontrolle. Wenn die Bibel von Glauben spricht, meint sie ja Vertrauen. Sich jemandem anzuvertrauen.
Kontrolle versucht, das zu umgehen. Es ist der Versuch, Sicherheit herzustellen.
Wenn man sich selbst, Gott oder andere versucht zu kontrollieren, wird es toxisch. Ketten statt Freiheit. Aber Vertrauen lebt wie die Hoffnung gerade nicht von Sicherheit. Deshalb sind Zweifel immer Teil eines gesunden, erwachsenen Glaubens. Wer zweifelt, ist sich seiner Sache nicht so sicher, deshalb geraten Zweifler auch nicht so schnell in die Versuchung, etwas oder jemanden zu kontrollieren.
Hoffnung in Zweifel also. Für mich ist das ein sehr persönliches Thema. Denn Hoffnung fällt mir nicht leicht. Ich bin da nicht in Balance, erwarte viel eher, dass die Dinge nicht gut ausgehen. Das scheint angeboren zu sein. Jedenfalls habe ich den Schalter bisher noch nicht gefunden, der das abschaltet. Und dabei brauche ich das Lebenselixier Hoffnung wie jeder andere auch. Wenn die Hoffnung stirbt, stirbt der Mensch. Meine mangelnde Befähigung zur Hoffnung ist, glaube ich, einer der Hauptgründe, warum mir Weihnachten so wichtig ist. Weihnachten beantwortet eine der Grundfragen meines Lebens.
In der 11. oder 12. Klasse bin ich mal ziemlich abgestürzt. Damals hatte es gerade ein ziemlich verheerendes Erdbeben in Mexiko gegeben, was tausende Menschenleben gekostet hatte. Wir sprachen darüber im Unterricht und ich fiel in ein tiefes Loch. Es hatte die Ärmsten der Armen getroffen. Mal wieder. Das war so ungerecht. Und ich hockte hier in Deutschland in Saus und Braus, wo man relativ sicher vor solchen Katastrophen ist. Das war doch nicht in Ordnung.
Die Welt ist ungerecht. Mir fällt es schwer, in so einer Welt glücklich zu sein. Vielleicht geht es einigen von euch ja auch so. Und es sind ja nicht nur die Naturkatastrophen. Die Starken feiern ihre Feste auf dem Rücken der Schwachen. Immer. Reiche werden immer reicher und Arme immer ärmer. Ein ewiger Kreislauf. Irgendjemand beschließt, Krieg zu führen – den Preis dafür zahlen andere. Und wir können uns da natürlich schön rausreden, wir führen ja gerade keinen Krieg. Aber sobald es eng wird, wird es auch mit meiner Großzügigkeit schwieriger. Und so geht das seit tausenden Jahren. Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine große Hoffnung, dass sich das je grundsätzlich ändern wird. Wie auch. So scheint die Welt zu sein.
Vielleicht klingt das für manche etwas arg düster. Aber so ist das bei mir. Mir fällt es tatsächlich schwer, mich damit abzufinden. Mit so einer Welt kann ich nicht leben. Und weil ich damit nicht leben kann, bin ich ein Christ.
Denn der christliche Glaube lebt ja nicht nur in einer Hoffnung auf eine bessere Welt, sondern glaubt, dass die Welt in Jesus tatsächlich längst auf dem Weg dorthin ist. Das ist so eine der Merkwürdigkeiten unseres Glaubens. Christen glauben daran, dass es für die Welt alles geändert hat, als Gott Mensch wurde. Gott wurde durch Jesus ein Teil der Welt und damit die Welt ein Teil von Gott. Das Baby in der Krippe durchbricht den ewigen Kreislauf und ändert damit alles. Mir als Zweifler erscheint der Traum von einer gerechten Welt nicht sehr glaubwürdig. Ich sehe dafür einfach keine Evidenz. Aber wenn Gott tatsächlich ein Baby wurde und damit die Welt in sich zu Gott trägt, dann finde ich darin einen Grund für die Hoffnung, dass die Welt eines Tages ankommen könnte. Und dass jede gute Tat, die wir heute tun, nicht bloß ein lauwarmer Hauch in einem unendlich kalten Universum ist, sondern ein Teil dieses Weges.
Ich bin einer der seltsamen Menschen, die den Tag des Weltgerichtes Gottes herbeisehnen. Weil er mich hoffen lässt, dass alle jene, die Ungerechtigkeit erleben müssen, dann endlich Gerechtigkeit erfahren werden. Opfer werden dann keine Opfer mehr sein und die Letzten endlich die Ersten werden. Und alle ihre Tränen werden gewürdigt, bevor sie von Gottes Liebe getrocknet werden.
Täter werden zur Rechenschaft gezogen. Wir alle werden zur Rechenschaft gezogen werden. Aber wegen des Babys in der Krippe braucht niemand diesen Tag zu fürchten. In ihm ist die Welt auf dem Weg zu Gott und in ihm kommt sie an ihr Ziel.
Das muss man so nicht glauben. Natürlich nicht. Ich selbst bin mir manchmal überhaupt nicht sicher, wie glaubwürdig ich das finde. Ich bin ja ein Zweifler. Aber letztlich ist es das, was wir an Weihnachten feiern. Dass sich der Lauf der Welt geändert hat. Und das ist immerhin eine echte Hoffnung auf eine gerechte Welt. Deshalb ist Atheismus für mich auch keine Alternative. Wie soll jemand, der an der Kälte der Welt verzweifelt, mit einem Universum leben, in dem es nichts außer Materie gibt, was ihm Hoffnung geben könnte? Wie gesagt, das ist einer der Gründe, warum ich Christ bin. Nicht um in den Himmel zu kommen, sondern damit der Himmel zur Erde kommt.
Eine Gefahr ist natürlich, dass dieser Blick zur Vertröstung wird. Nach dem Motto: Wir müssen alle durch das Jammertal des Lebens, aber dermaleinst werden wir sehen, dass es sich gelohnt hat … Wer so etwas predigt, hat nach der Weihnachtsgeschichte aufgehört, das Neue Testament zu lesen. Wir sind gerufen, Mitgestalter der Welt auf ihrem Weg zu Gott zu sein. Nicht bloß Idioten, die sich an eine imaginäre Hoffnung klammern.
Hoffnung im Zweifel. Für mich bedeutet das, einen Grund zu haben, für das gesamte Universum zu hoffen. Damit hat sich selbst einem so wenig zur Hoffnung Begabten wie mir, eine Türe geöffnet, ein Hoffnungsmensch zu werden.
Hoffnung im Zweifel. Was bedeutet das für das ganz normale Leben? Für die Situationen, die uns im wahrsten Sinne des Wortes Ver-Zweifeln lassen? Noch einmal der Vers aus Jeremia:
Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
Bedeutet dies, jede Situation wird gut ausgehen? Wohl kaum. Am langen Ende müssen wir uns eingestehen, dass wir, Hoffnung hin oder her, oft nicht kontrollieren können, wie etwas ausgeht. Vieles entzieht sich unserer Gestaltung. Und manchmal sind wir an schlechten Ausgängen gar selber schuld. Gott räumt uns nicht pausenlos die Steine von der Straße. Ich nehme an, jeder hätte gerne ein Leben, mit Gutem-Ausgang-Garantie. Und wenn nicht gleich, dann doch wenigstens, sobald man Gott um Hilfe gebeten hätte. Aber so funktioniert das nicht. So ein Leben gibt es nicht.
Unser Vers aus Jeremia, wo der Prophet von Gott sagt, dass dieser Gedanken des Friedens habe und ihnen Zukunft und Hoffnung geben würde, wurde in eine absolut hoffnungslose Situation hinein gesprochen. Jerusalem war vernichtet worden und die Juden nach Babylon verschleppt. Die Israeliten waren komplett lost. Dieses Ereignis hatte nicht nur unzählige Menschenleben gekostet, sondern auch die Heimat. Und die Analyse war für sie verheerend. Sie waren nicht nur selbst daran schuld, sondern Gott hatte dieses Unglück veranlasst, weil sie von ihm abgefallen waren. Ich bin nun wahrlich kein Freund davon, wenn Menschen Unglück als Strafe Gottes deuten, aber in diesem Fall tut es die Bibel.
Gott selbst war gegen sie. Faszinierend an Juden ist für mich immer wieder, dass ihre Hoffnung an so etwas nicht zerbricht, sondern davon geradezu angespornt wird. Die Bibel ist voller solcher Geschichten. Noch im selbstverschuldeten Elend wird wie selbstverständlich auf Gottes Beistand vertraut. Um diese Zuwendung braucht man sich keine Sorgen zu machen, die ist gewiss. Selbst wenn Gott gegen einen ist und sein Urteil vernichtend ausfällt, lässt dieser Gott einen niemals fallen. Das ist gewiss. Unzählige Geschichten der Bibel bezeugen es.
Der Grund für Hoffnung liegt also gerade nicht im eigenen Verhalten, sondern einzig und allein im Charakter Gottes. Wo immer du gerade auf deinem Lebensweg stehst, Gott ist mit dir dort. Und selbst wenn du denken solltest, er sei gegen dich, brauchst du dir um seinen Beistand keine Sorgen zu machen. „Ich weiß, was ich für Gedanken über dir habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich dir gebe Zukunft und Hoffnung.“ Oder wie Sören Kierkegaard es ausdrückt: „Kopf hoch! Gott kann machen, dass das Falsche zum noch Besseren wird, als das Richtige gewesen wäre.“
Wir haben die Ausgänge nicht unter Kontrolle. Weder die unseres eigenen Lebens noch die politischen unseres Landes. Oder gar der ganzen Welt. Keiner hat das. Deshalb ist die christliche Antwort eben nicht, dem Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle zu verfallen, sondern Gott beherzt zu vertrauen. Du brauchst Gott nicht gnädig zu stimmen. Gott ist gnädig. Hoffnung selbst im Zweifel. Oder andersherum, im Zweifel Hoffnung!
Ja, bisweilen geht Leben furchtbar schief. Das kann man nicht anders sagen. Katastrophen passieren. Das ist nicht schönzureden! Aber Christen weigern sich, anzunehmen, dass Gott sie verlassen habe. Da geht noch was. Immer. Die Welt ist auf dem Weg in eine gerechte Zukunft. Dafür birgt das Baby in der Krippe, der menschgewordene Gott. Unsere Hoffnung vertraut dem Erbarmen Gottes. Selbst wenn das Leben gegen dich zu sein scheint, Gott ist mit dir. Daran gibt es nichts zu rütteln. Gott kann nicht anders. Und deshalb krempeln wir die Ärmel nicht herunter und hoffen auf irgendwann, sondern gehen beherzt weiter und packen an. Da geht noch was. Weil Gott Hoffnung und Zukunft in Petto hat. Immer.
Und der Friede Gottes, der höher ist als jeder Zweifel, bewahre Dein Herz in der Hoffnung auf Gottes Zukunft.
Amen.
Hoffnung im Zweifel
Ein Text von Jay
„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“
Jeremia 29,11
Wenn Hoffnung knapp wird
Wer in diesen Tagen die Nachrichten verfolgt, kennt vermutlich das Gefühl: Am liebsten würde man gleich wieder ausschalten. Kriege, die Klimakrise, ein politisches Klima, in dem sich autoritäre Töne wieder salonfähig machen, wachsender Zuspruch für rechtsextreme Positionen – das alles fühlt sich nicht gut an.
Wer ehrlich in sich hineinhorcht und sein persönliches „Hoffnungsbarometer“ für die Zukunft unseres Landes befragt, landet damit vielleicht nicht bei fünf von fünf möglichen Punkten. Viele von uns bewegen sich eher im unteren Bereich der Skala. Die Zukunft macht Sorgen. Und offenbar sind wir damit nicht allein.
Zweifel ist nicht das Gegenteil von Glauben
Bevor es um Antworten gehen kann, lohnt sich ein Blick auf die Begriffe. Hoffnung lässt sich beschreiben als die zuversichtliche Erwartung, dass etwas Wünschenswertes eintreten wird. Sie ist so etwas wie ein Energizer – das, was Menschen weitergehen lässt. Wenn die Hoffnung stirbt, heißt es manchmal, stirbt auch der Mensch.
Zweifel dagegen ist die Fähigkeit, Aussagen und Sachverhalte kritisch zu prüfen. Wer zweifelt, will wissen, wie sich etwas wirklich verhält, und bemerkt schnell, wenn etwas nicht stimmig ist.
Interessant ist: Zweifel sind keineswegs das Gegenteil von Glauben. Das Gegenteil von Glauben ist Kontrolle. Wenn die Bibel von Glauben spricht, ist damit vor allem Vertrauen gemeint – sich jemandem anzuvertrauen. Kontrolle dagegen versucht, genau das zu umgehen. Sie will Sicherheit herstellen, wo eigentlich Vertrauen gefragt wäre. Wo Menschen versuchen, sich selbst, Gott oder andere zu kontrollieren, wird es schnell toxisch: Ketten statt Freiheit.
Vertrauen dagegen lebt, wie Hoffnung auch, gerade nicht von Sicherheit. Zweifel gehören deshalb zu einem gesunden, erwachsenen Glauben dazu. Wer zweifelt, ist sich seiner Sache nicht zu sicher – und gerät deshalb auch nicht so leicht in Versuchung, etwas oder jemanden kontrollieren zu wollen.
Eine alte Erinnerung
Für manche ist Hoffnung ein persönliches Ringen. Wer eher dazu neigt, zu erwarten, dass Dinge nicht gut ausgehen, kennt vielleicht eine Erinnerung aus der Schulzeit: ein verheerendes Erdbeben irgendwo auf der Welt, tausende Tote, mitten hinein in eine ganz normale Unterrichtsstunde. Und dann dieses Gefühl: Es hat wieder die Ärmsten der Armen getroffen. Und ich sitze hier, sicher, während andere alles verlieren. Das ist doch nicht in Ordnung.
Die Welt ist ungerecht. Reiche werden reicher, Arme ärmer, ein ewiger Kreislauf. Irgendjemand entscheidet sich für einen Krieg – bezahlen müssen ihn andere. Man kann sich leicht herausreden, solange man selbst nicht betroffen ist. Aber sobald es eng wird, wird auch die eigene Großzügigkeit knapp. Und das schon seit Jahrtausenden. Wer ehrlich ist, hat wenig Hoffnung, dass sich daran grundsätzlich etwas ändert.
Mit so einer Welt kann man nur schwer leben. Und genau das – nicht mit einer solchen Welt leben zu können – ist einer der Gründe, warum man Christ werden oder bleiben kann.
Was uns dennoch Hoffnung machen kann
Der christliche Glaube begnügt sich nicht mit der Hoffnung auf eine bessere Welt irgendwann. Er behauptet etwas Kühneres: dass die Welt in Jesus längst auf dem Weg dorthin ist. Das ist eine der eigenartigsten Behauptungen des christlichen Glaubens – dass sich für die Welt alles geändert hat, als Gott Mensch wurde. Gott wurde durch Jesus Teil der Welt, und damit wurde die Welt Teil von Gott. Das Kind in der Krippe durchbricht den ewigen Kreislauf aus Unrecht und Vergeltung.
Wer nach Beweisen für eine gerechte Welt sucht, wird enttäuscht: Dafür gibt es kaum Evidenz. Aber wenn Gott tatsächlich Mensch wurde und die Welt seither in sich zu Gott trägt, dann liegt darin ein Grund zur Hoffnung, dass diese Welt eines Tages ankommt – und dass jede gute Tat, die heute geschieht, nicht bloß ein flüchtiger warmer Hauch in einem kalten Universum ist, sondern Teil dieses Weges.
Dazu gehört noch ein zweiter, überraschender Gedanke: die Hoffnung auf ein Gericht Gottes. Für viele klingt das zunächst bedrohlich. Aber wer selbst schon Unrecht erlitten hat, kennt die Sehnsucht danach, dass dieses Unrecht nicht das letzte Wort behält. Ein Gericht Gottes bedeutet die Hoffnung, dass alle, die Ungerechtigkeit erleiden mussten, endlich Gerechtigkeit erfahren. Dass Opfer keine Opfer mehr sind. Dass Täterinnen und Täter zur Rechenschaft gezogen werden – wir alle. Aber wegen des Kindes in der Krippe muss diesen Tag niemand fürchten. Denn in ihm ist die Welt schon auf dem Weg zu Gott, und in ihm kommt sie auch an ihr Ziel.
Die Hoffnung, von der hier die Rede ist, gründet also nicht in einem optimistischen Blick auf den Lauf der Geschichte oder in der Überzeugung, dass Menschen am Ende schon das Richtige tun werden. Sie gründet allein im Charakter Gottes, der in Jesus sichtbar geworden ist.
Hoffnung ohne Vertröstung
Diese Hoffnung hat allerdings eine Kehrseite, die es zu vermeiden gilt: Sie darf nicht zur bloßen Vertröstung werden. Nach dem Motto: Wir müssen alle durch das Jammertal des Lebens, aber irgendwann wird sich gezeigt haben, dass es sich gelohnt hat. Wer so predigt, hat spätestens nach der Weihnachtsgeschichte aufgehört, das Neue Testament weiterzulesen. Christinnen und Christen sind gerufen, an dieser Welt mitzugestalten, die auf dem Weg zu Gott ist – nicht, sich passiv an eine imaginäre Hoffnung zu klammern.
Ein Wort in die Verzweiflung hinein
Der eingangs zitierte Vers aus Jeremia wurde übrigens nicht in eine gemütliche Situation hinein gesprochen, sondern in eine der hoffnungslosesten Lagen der biblischen Geschichte: Jerusalem war zerstört, das Volk nach Babylon verschleppt. Die Deutung, die die Bibel selbst dafür anbietet, ist hart – sie sieht darin eine Folge der eigenen Abkehr von Gott. Und doch zerbricht die Hoffnung Israels an dieser Analyse gerade nicht, sondern wird von ihr geradezu angespornt. Selbst mitten im selbstverschuldeten Elend wird auf Gottes Beistand vertraut, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.
Der Grund für Hoffnung liegt eben nicht im eigenen Verhalten, sondern allein im Charakter Gottes. Wo immer jemand gerade steht – Gott ist dort mit ihm. Und selbst wer meint, Gott sei gegen einen, braucht sich um dessen Beistand keine Sorgen zu machen. Oder, wie es Sören Kierkegaard einmal formuliert hat: Gott kann machen, dass das Falsche zum noch Besseren wird, als das Richtige gewesen wäre.
Das bedeutet nicht, dass jede Situation gut ausgeht. Vieles entzieht sich unserer Kontrolle – im eigenen Leben genauso wie in der Politik eines ganzen Landes oder der Welt. Manchmal geht Leben furchtbar schief, und das lässt sich nicht schönreden. Aber die christliche Antwort darauf ist eben nicht, dem Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle nachzugeben, sondern Gott trotzdem zu vertrauen. Da geht noch etwas – immer. Nicht, weil die Umstände es versprechen, sondern weil Gott Zukunft und Hoffnung in petto hat.
Und der Friede Gottes, der höher ist als jeder Zweifel, bewahre unser Herz in der Hoffnung auf Gottes Zukunft. Amen.
Fragen zum Gespräch
1. Jay beschreibt ein persönliches „Hoffnungsbarometer“ für die Zukunft. Wo würdest du selbst gerade stehen – und was beeinflusst das am meisten?
2. Der Text unterscheidet Zweifel von Kontrolle: Zweifel gehört zum Glauben dazu, Kontrolle steht ihm entgegen. Wo merkst du bei dir selbst eher den Wunsch, Sicherheit durch Kontrolle statt durch Vertrauen herzustellen?
3. Jay warnt davor, Hoffnung zur bloßen Vertröstung werden zu lassen. Was könnte es in deinem Alltag konkret bedeuten, „Mitgestalter“ der Welt zu sein, statt nur auf eine bessere Zukunft zu warten?
