Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht – von Jay

Eine Predigt über die Trinität könnte dem einen oder anderen vielleicht ein bisschen nerdig vorkommen. Deshalb steige ich heute einfach mal mit einem Gedicht von meinem Freund Marko Michalzik ein:

IMAGO DEI

Ich bin froh, dass du nicht G*tt bist,
weißt du, sonst wärst du so schrecklich perfekt
und unerreichbar für mich und ich würde mich
jedes Mal ungenügend fühlen in deiner Gegenwart

Ich bin froh, dass du nicht G*tt bist,
weil ich gerne mit dir rede auf Augenhohe
und da etwas zurückkommt, wenn ich wieder
dumme Fragen stelle oder von Twin Peaks erzähle

Ich bin froh, dass du nicht G*tt bist,
weil ich nicht weiß, ob G*tt den Herrn der Ringe mag
bei dir dagegen bin ich mir ziemlich sicher

Ich bin froh, dass du nicht G*tt bist,
sonst wärst du ganz Geist und unsichtbar und
ich würde ständig durch dich greifen
beim Versuch, dich zu berühren

Ich bin froh, dass du nicht G*tt bist,
sonst müsste ich immerzu mit Menschen diskutieren,
die meinen, dich besser zu kennen
und verstanden zu haben

Ich bin froh, dass du nicht G*tt bist,
weil ich dich einfach fragen kann
was du möchtest und wie
und was dir gefallt und ob du mich magst
und was du scheiße findest
und weil ich dich notfalls einfach anrufen kann.

(Marco Michalzik, aus dem Buch: Wir werden alle verwandelt werden, 2023)

Obwohl hier jemand gerade nicht über Gott spricht, sondern über einen Freund oder eine Freundin, sagt derjenige doch eine ganze Menge darüber aus, wie er sich Gott vorstellt. Unsere Bilder von Gott entscheiden darüber, was wir von Gott erwarten und welchem Gott wir dann begegnen.

„Gott“ ist ja erstmal ein Containerbegriff der ohne Konkretisierung fast nichts aussagt. Der eine hat eine Art Polizisten-Gott, der unentwegt aufpasst, ob man sich richtig verhält, und einen tadelt, wenn man Fehler macht. Die nächste sieht Gott als jemanden, der vor allem dafür da ist, dass ihr nichts Schlimmes geschieht. Für wieder jemand anders ist Gott so was wie ein Wünsche-Automat, der Glück ausspuckt, wenn man ihn nur richtig bedient. Für andere ist Gott dasjenige, was alles in Gang gebracht hat, das Geheimnis des Lebens, über das man staunt, wenn man in den Sternenhimmel sieht. Dann gibt es welche, für die Gott der Grund ist, warum sie andere Menschen überfallen, um ihnen die Kehlen durchzuschneiden. Und wieder andere ergreifen aufgrund ihrer Gottesvorstellung einen helfenden Beruf, weil sie glauben, dass Gott alle Menschen liebt. Ich könnte Stunden so weitermachen, die unterschiedlichen Arten, sich Gott vorzustellen, sind Legion.

Eins ist all diesen Gottesbildern gemein: Keines davon stimmt. Sie irren alle. Per definitionem. Wenn jemand Gott tatsächlich beschreiben könnte, wäre es schon nicht mehr Gott. Unsere Vorstellungen greifen immer zu kurz. Müssen zu kurz greifen. Gott muss größer und anders sein, als wir denken. Wenn wir über Gott sprechen, sprechen wir also höchstens über so etwas wie Annäherungen. Eben über unsere Vorstellungen. Das ist wichtig zu wissen, finde ich. Das meint Bonhoeffer, wenn er schreibt: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“

Im Judentum ist das eine der bestimmenden Erkenntnisse. Gott wird mit einem geheimnisvollen Tetragramm umschrieben, 4 Buchstaben, JHWH, ein Name, den Juden nicht aussprechen, um sich eben daran zu erinnern, dass Gott unsagbar ist. Nicht festzuschreiben. Deshalb gibt es in der Bibel auch das Verbot, sich Bilder von Gott zu machen.

Und deshalb spricht sie, kaum ist dieses Verbot ausgesprochen, in kaum etwas anderem von Gott als in Bildern. Denn natürlich können wir gar nicht anders über Gott reden als in Bildern und Vergleichen. Der Bibel ist bloß wichtig, dass wir dabei nicht in die Falle tappen, zu denken, wir könnten damit tatsächlich Gott erfassen.

Wir sollten unsere Gottesvorstellungen also nie zu ernst nehmen. Deshalb sind Witze über Gott auch nicht verboten, sondern geradezu wichtig. Denn wir machen uns damit ja bloß über unsere eigenen mageren Vorstellungen lustig. Deshalb gibt es meines Erachtens auch so etwas wie Blasphemie nicht. Wenn jemand Blasphemie ruft, zeigt er bloß, dass er seinen eigenen Ansichten auf den Leim gegangen ist und sie viel zu ernst nimmt. Unsere Gottesvorstellungen brauchen Luft und müssen wandelbar bleiben.

Gleichzeitig wünschen wir uns, dass wir uns auf etwas verlassen können, wenn wir uns auf Gott einlassen. Und auch das ist nicht nur verständlich, sondern sogar nötig. Denn genauso wenig wie jemand von uns Gott beschreiben könnte, ist Gott – wenn das nicht bloß ein Wort ist – austauschbar. Gott ist nicht alles und nichts, sondern jemand. Ein Du. Jedenfalls ist das ein wichtiger Bestandteil des jüdisch-christlichen Blicks auf Gott.

Vorhin habe ich gesagt, dass keine der erwähnten Gottesvorstellungen für sich in Anspruch nehmen kann, Gott tatsächlich zu beschreiben. Genauso wenig wäre aber der Schluss richtig, dass sie daher austauschbar sind. Es ist kein kleiner Unterschied, ob jemand im Gehorsam Gott gegenüber mordend durch die Gegend zieht oder ob jemand aufgrund seines Gottesbildes einen sozialen Beruf wählt.

Unsere Gottesvorstellungen sind keineswegs egal oder beliebig. Sie bestimmen nicht nur, wen wir in Gott sehen, sondern auch welche Konsequenzen wir für unser Leben daraus ziehen. Diese Spannung zwischen der Unsagbarkeit Gottes und der Notwendigkeit, Gott zu konkretisieren, dazwischen Gott nicht festzuschreiben und trotzdem an Gottes Verlässlichkeit festzuhalten, dazwischen nicht wirklich etwas über Gott sagen zu können und dennoch fröhlich an Gottes Verheißungen zu glauben, z.B. daran, dass der Satz „Gott ist die Liebe“ wahr ist – diese Spannung zieht sich durch die gesamte Bibel.

Das ist einer der Gründe, warum ich so ein Fan des Trinitätsmodells bin. Weil die Gottesvorstellung hier in geradezu unerhörter Weise konkretisiert wird und gleichzeitig überhaupt nicht mehr einzufangen ist.

Ein einziger Gott, der aus drei zu unterscheidenden Personalitäten besteht, die aber gerade nicht als 3 verschiedene Götter anzusehen sind, sondern als der eine Gott. Gott der Schöpfer, der Vater. Gott der Sohn, Jesus Christus. Und Gott der Heilige Geist, die Heilige Ruach. Vater, Sohn, Geist. Dreieinigkeit sagt man auch dazu. Oder Dreifaltigkeit, um damit auszudrücken, dass sich Gott dreifach entfaltet. Ein dreifacher Blick also auf denselben Gott. Drei-Eins. Und die Eins ist hier genauso wichtig wie die Drei. Drei-Eins. Dreins.

Witzigerweise ist das Modell der Trinität im Zeitalter der Aufklärung ziemlich in Verruf geraten. Und wenn mich jemand fragt, warum ich an Gott glaube, und ich darauf, wegen der Dreieinigkeit antworte, schauen mich die Leute auch heute noch regelmäßig so an, als hätte ich Japanisch gesprochen. Das, was ich hier begeistert ein „Feature“ nenne, wird seit der Aufklärung eher als „Bug“ empfunden. Als unvernünftig. Als unlogisch. Und das ist es ja auch irgendwie. Dreins gibt es nicht. Wenn etwas Drei ist, kann es nicht Eins sein. Oder es ist in Wirklichkeit nicht Drei. Christen haben darauf gerne mit der Wasser-Analogie geantwortet: Wasser gäbe es fest, flüssig und gasförmig – aber immer bliebe es H₂O. Klingt gut, aber das sind natürlich bloß verschiedene Aggregatszustände, etwas, was die Trinitätslehre für Gott ausdrücklich verneint.

Gott sei nicht mal Vater, mal Sohn, mal Geist – sondern immer alles gleichzeitig und dabei komplett voneinander zu unterscheiden und gleichzeitig unterscheidungslos. Yep. Japanisch.

Viele der Aufklärer haben sich über so eine absurd anmutende Art, über Gott zu sprechen, lustig gemacht. Gerade so, als seien die logischen Schwierigkeiten davor noch nie jemandem aufgefallen. Aber damals dachte man auch noch, dass man, wenn man die Welt nur intensiv genug vermessen würde, sie dann auch tatsächlich zu fassen kriegen könnte. Heute sind wir hier bescheidener geworden. Je mehr Informationen wir über etwas haben, umso schwieriger scheint es zu werden, das Ganze auf den Punkt zu bringen. Und jede Antwort, die gefunden wird, wirft jedes Mal mindestens zehn neue Fragen auf. Wie heißt es so prominent in „Dark“ einer meiner Lieblingsserien? „Was wir wissen ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ein Ozean.“

Heute dämmert uns, dass dasselbe potenziert auch für Gott gelten muss, sonst wäre Gott das Wort Gott nicht wert. Gott muss der Inbegriff des Ausdrucks „Mindfuck“ sein. Alles andere ist absurd. Wer denkt, er könne Gott beschreiben, ist ein Tor. Wer es deshalb unterlässt auch. Exakt diese Spannung versucht das christliche trinitarische Gottesmodell auszuloten.

Ich finde, was die christliche Gottesanschauung mit dem Modell des dreieinigen Gottes versucht, zu verdeutlichen und zusammenzuhalten, ist nicht nur auf einer philosophischen oder theologischen oder spirituellen Ebene enorm, sondern auch auf der ganz praktischen, alltäglichen. Ich kann das an dieser Stelle nur holzschnittartig, thesenförmig hervorheben.

1. Gott als Schöpfer.

Die Welt ist Gottes Werk. Damit steht Gott der Welt gegenüber, außerhalb der Welt. Der Gott „da oben“. Damit bleibt Gott immer auch fremd. Und das muss er, denn sobald wir Gott in der Welt aufgehen lassen, stehen wir in der Gefahr uns Gottes zu bemächtigen oder Gott mit dem was uns in der Welt wichtig ist, zu verwechseln. In diese Falle tappen wir immer wieder. Auch wir Christen. Deshalb können wir uns nicht leisten, die Andersartigkeit, Gottes Außerweltlichkeit aufzugeben.

2. Jesus. Gott wird realer Teil der Welt, der Schöpfung.

Dass das ein kompletter Widerspruch zu 1. Ist, muss ich euch hoffentlich nicht erklären. Der fremde Gott von außen, bekommt hier ein echtes Gesicht. Ein Gesicht an dem man nicht nur Gott ablesen kann, sondern das lacht und weint, feiert und stirbt. Und was für einen Gott wir in Jesus zu sehen bekommen, ist mehr als erstaunlich. Am besten sieht man das an Jesus am Kreuz. Dann, wenn Gott stirbt. Hier leuchtet auch die Andersartigkeit Gottes besonders auf. Zur gleichen Zeit ist hier ein echter, sterbender, schreiender Mensch sowie ein Gott der sich komplett anders verhält wie man es von einem Gott erwarten würde. Ein Gott der nicht zurückschlägt, der für seine Feinde eintritt, der eben nicht bloß das Schicksal der Menschen von außen beurteilt, sondern es tatsächlich teilt.

Und noch ein anderer Gedanke: In Jesus wird die Schöpfung „vergöttlicht“. Wenn Gott Teil der Schöpfung wird, kann die Schöpfung nicht mehr gottlos gedacht werden. Das ist nicht „der da oben“ sondern „der Gott mit uns!“ Mein Freund Gofi Müller hat dafür in einem Gedicht unnachahmliche Worte gefunden:

Die Schönheit Gottes

Ich sehe Gott in dir –
zum Beispiel wenn du lachst.
(Träge, unaufhaltsam tropft
dein Speichel in den Latz.)

Ich sehe Gott in dir –
zum Beispiel wenn du kackst.
(Rötlich und mächtig blähn sich
Backen und Gesicht.)

Ich sehe Gott in dir –
zum Beispiel wenn du kotzt.
(Ein See aus Milch und Zwieback
auf dem ganzen Tisch.)

Ich sehe Gott in dir –
zum Beispiel wenn du schreist.
(Nach kurzer Stille folgt
dein gellendes Geplärr.)

Ich sehe Gott in dir –
all seine Herrlichkeit in dir.

(Gofi Müller)

3. Gott, der Geist, die Heilige Ruach – „Gott in uns“.

Christen denken Gott nicht bloß außerhalb der Welt, als ganz anderen, irgendwie auch Fremden, und auch nicht nur als historischen, menschgewordenen Teil der Welt, sondern auch als etwas, was die ganze Welt durchzieht, als jemand, der sich mit Dir und mir verbindet. Das spricht einerseits von der Erfahrbarkeit Gottes, aber eben nicht nur, sondern vor allem davon, dass Gott eben nicht nur da oben und mit uns ist, sondern davon, dass du Gott auch in dir finden kannst – „der Gott in uns“.

4. Der dreifache-eine Gott (Dreins) steht damit für Individualität UND Kollektiv.

Das Einzelne zählt UND gemeinsam sind wir stark. Aber nicht nur das, sondern Gott wird insgesamt als Beziehung gedacht. Nicht nur als ein Beziehungswesen, das Kontakt zu uns Menschen aufnimmt, sondern als eine glühende Liebesaffäre in sich selbst. Gott ist kein Einsiedler – Gott ist Dreins.

Das soll für heute reichen.

Ganz ehrlich: In einer sich mehr und mehr polarisierenden Welt, für die entweder‑oder, bist du dafür oder dagegen, die einzig möglichen Ausdrucksformen zu werden scheinen, braucht es Menschen, die ein Sowohl-als-Auch nicht nur denken, sondern auch leben können. Und deshalb können wir Christen es uns überhaupt nicht leisten, uns keine Gedanken über die Trinitätsvorstellung unseres Glaubens zu machen. Denn sie lehrt uns, zusammenzudenken, was nicht zusammenzudenken ist. Zusammenzuhalten, was sich eigentlich als Entweder-oder die Köpfe einschlagen müsste. Wer Vielfalt, Buntheit, Pluralität und eine gehörige Portion Nichtwissen in seiner Gottesvorstellung erträgt, wird auch im ganz normalen Leben die Fähigkeit entwickeln, zu verbinden und zusammenzuhalten, was ansonsten auseinanderdriftet. Und wo Christen in den Chor des Entweder-oder einstimmen (und das tun sie zurzeit überall auf der Welt), zeigen sie damit nur, dass ihnen die Grundlagen ihrer eigenen Gottesvorstellungen fremd geworden sind.

Die Welt braucht gerade heute Menschen, die die trinitarische Dimension ihres Glaubens entdecken und feiern. Das Sowohl-als-auch. Diese glühende Liebesaffäre, die nicht trennt, sondern verbindet.

Und der Frieden Gottes, der höher, tiefer und inniger ist als alles, was wir jemals denken könnten, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen.