
von Gofi
Ich weiß nicht, ob du findest, dass „Macht und Ohnmacht“ ein wichtiges Thema ist. Möglicherweise hast du den Eindruck, dass dieses Thema nicht sehr viel mit dir zu tun hat. Das könnte daran liegen, dass du viel mächtiger bist, als es dir selbst bewusst ist.
Wenn du z. B. in einer Wohnung lebst, hast du die Möglichkeit, deine Tür auf- und abzuschließen, so oft und so viel du möchtest. Du kannst duschen, wann immer du willst.
Außerdem hast du das Recht, zu wählen. Es könnte sein, dass es dir so selbstverständlich erscheint, dass du gar nicht wählen gehst. Was ein großer Fehler wäre, weil die AfD davon profitieren würde. Es gibt viele Menschen auf dieser Welt, die dieses Recht nicht haben, es aber gerne hätten.
Vielleicht hast du eine Arbeit. Dann verdienst du Geld. Mit diesem Geld kannst du etwas tun: Dinge kaufen, Urlaub machen, dich vergnügen.
All das sind Formen von Macht. Du hast die Möglichkeit, dein Leben zu gestalten, es so zu leben, wie du es gerne möchtest. Und in dieser Hinsicht bist du sehr viel mächtiger als viele, viele andere Menschen auf dieser Welt.
In unserer Gesellschaft haben wir in den letzten Jahren eine sehr große Diskussion über Macht. In diesem Fall geht es vor allem um die Frage, wer die Deutungsmacht hat. Wenn Leute auf der Straße „Lügenpresse, Lügenpresse“ rufen, dann ist das ein Protest gegen die ihrer Ansicht nach ungleiche Deutungsmachtverteilung.:
Wer kann sagen, was wahr ist und was nicht? Wer legt fest, welche Story die richtige ist, der wir glauben und an der wir unsere Entscheidungen und Handlungen ausrichten?
Und auch hieran kann man gut erkennen, dass das Thema Macht und Ohnmacht zentral ist und dass es gut ist, sich darüber Gedanken zu machen.
Die christliche Kirche hat eine ziemlich schwierige Beziehung zu diesem Thema.
In ihren Anfängen hat sie oft unter den Mächtigen gelitten. Später wurde sie selbst mächtig und sorgte dafür, dass die Ohnmächtigen unter ihrer Macht leiden mussten. Das Kreuz ist an vielen Orten dieser Welt ein verhasstes Symbol, weil in seinem Namen die schlimmsten Taten begangen worden sind, immer verbunden mit einem Machtanspruch der Kirche, die sie aus Worten abgeleitet hat, die von Jesus stammen sollen.
Diese Worte stammen aus dem Matthäusevangelium. Sie klingen so:
Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus für die Begegnung mit ihnen bestimmt hatte. Bei seinem Anblick warfen sie sich vor ihm nieder; allerdings hatten einige noch Zweifel. Jesus trat auf sie zu und sagte: »Mir ist alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben. Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und seid gewiss: Ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt.«
(Matthäus 28, 16-20)
Wie geht es dir, wenn du diese Worte hörst? Hörst du sie gerne? Fühlst du dich ermutigt, motiviert? Wird dir mulmig oder sogar richtig schlecht?
Vielleicht liegt das daran, wie diese Worte in der Vergangenheit regelmäßig verstanden worden sind. Und welche Folgen dieses Verständnis dann hatte:
für Angehörige anderer Religionen,
für Nichteuropäer,
Nichtweiße,
Frauen,
beeinträchtigte Menschen,
Kinder –
also für alle jene, die zufälligerweise weder männlich noch weiß waren.
Weil es doch klar zu sein scheint, dass hier ein Mann zu Männern spricht. Und dass die Repräsentanten dieser Religion ab einem gewissen Zeitpunkt in der Regel weiß waren. Und natürlich alt.
Dass derjenige, der hier vorgeblich spricht, weder weiß noch alt war, hatte man inzwischen vergessen. Und dass die, die die zuhörten, in der Regel blutjung waren auch. Und dass es sich nicht nur um Männer handelte.
Ich gebe mal das gängige Verständnis dieser Worte stark verkürzt wieder, so wie es zumindest in den letzten Menschheitsepochen verstanden worden ist:
Jesus Christus hat Tod und Teufel besiegt und besitzt jetzt die Macht. Die Auferstehung hat die Machtverhältnisse umgedreht. Sie stellt eine historische Zäsur dar.
Wir – die Kirche, die Christen – sind seine Vertreter auf Erden und handeln in seinem Auftrag. Er ist ja immerhin immer bei uns! Deshalb ist seine Macht unsere Macht.
Die Welt weiß es zwar (noch) nicht, aber eigentlich sind wir ihre Könige und Priester. Es wird Zeit, dass sie es kapiert.
Unsere Predigt des Evangeliums ist die Deklaration an die Welt, dass sie verloren hat. Wer seine Niederlage akzeptiert, kann gerettet werden. Wer diese Botschaft ablehnt, muss brennen.
Die Taufe ist eine machtvolle Handlung, die darüber entscheidet, ob jemand zu Gott gehört oder nicht. Dieses Machtinstrument kontrollieren wir, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Und nun gehen wir hin in alle Welt und sagen das allen, die uns zuhören oder auch nicht zuhören wollen.
Ich glaube, dass das ein Missverständnis ist. Der Hauptdenkfehler liegt darin, dass man die Auferstehung als eine Zäsur deutet, die das Leben des irdischen Jesus trennt von dem Leben des auferstandenen Christus. Vielleicht ist das der Grund, warum das Leben und die Taten von Jesus im apostolischen Glaubensbekenntnis keine Rolle spielen:
Ich glaube an Gott, den Vater,
den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Es ist jedenfalls auffällig, dass das so ist. Und ich vermute, dass das der Grund ist.
Der Gedanke ist: Bis zu seinem schändlichen Tod am Kreuz wählte Jesus stets den niedrigen Weg des Dienens, der Liebe, der Annahme. Mit seiner Auferstehung jedoch ergreift er die Macht. Jetzt ist er nicht mehr demütiger Diener aller, sondern Herrscher über alles. Ein Herrscher, mit dem man sich gut stellen sollte, wenn es einem nicht schlecht ergehen soll. Die Zeiten des Dienens sind vorbei, jetzt wird regiert.
Die Auferstehung ist tatsächlich eine Zäsur, aber ich glaube, dass sie anders verstanden werden muss. Sie steht nicht dafür, dass etwas aufhört, sondern dass es fortgesetzt wird.
Das, was Jesus gelebt und gelehrt hat, wird fortgesetzt, jetzt aber nicht mehr nur in Israel, sondern: weltweit. Und jetzt nicht mehr nur von einem, sondern von vielen.
Deshalb sagt Jesus: „Lehrt sie das, was ihr von mir gelernt habt, ahmt mich nach, macht es anderen vor, lasst auch sie diesen Lebensstil annehmen, sodass es immer mehr werden.“
Und deshalb auch: taufen, nicht als magische Handlung, die einen Menschen verwandelt,
sondern als Zeichen dafür, dass man eine egoistische, machtversessene Lebensmaxime ablegt. Die Symbolik ist die der Auferstehung: Ein Mensch beerdigt den alten Lebensstil und steht zu einem neuen, jesusgemäßen Lebensstil wieder auf.
Auch wir feiern Wiederauferstehung: zu einem Leben, wie Jesus es gelebt hat. Das ist ein Bekenntnis zu dem Weg, den Jesus gegangen ist, und zwar bis zum Kreuz und darüber hinaus.
Dass das kein Masochismus ist, kein Selbstmordkommando, keine Kamikaze, das liegt an der Auferstehung. Ohne die Auferstehung wäre es das. Die Auferstehung ist aber das göttliche Siegel darauf, wenn man so will, dass dieser Weg zum Erfolg führt, zu einer besseren Welt, zu einem besseren Leben.
Weil die Gottheit es so will, weil die Auferstehung eine Realität ist, nicht nur im Fall von Jesus Christus, sondern als ein Prinzip, das sich immer wieder wiederholt.
Deshalb ist es möglich, dass Leid zu großen Dingen führt, zu echter Veränderung, zu Heilung. Deshalb können Ohnmachtserfahrungen der Beginn von Neuaufbrüchen sein.
Jesus selbst hat das am Beispiel der Natur erklärt: Wenn ein Samenkorn in die Erde fällt und NICHT stirbt, bringt es keine Frucht. Das Sterben muss dem Neuanfang vorausgehen. Das ist nicht nur ein Beispiel für seinen eigenen Tod, das ist ein Prinzip für das Leben auf diesem Planeten.
Ich glaube, so müssen wir auch die Seligpreisungen verstehen vom Beginn der Bergpredigt:
„Glücklich zu preisen sind die, die trauern …”
“Glücklich zu preisen sind die, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten …”
“Glücklich zu preisen sind die Barmherzigen …”
Das ist eine Hymne auf die Machtlosen. Sie stehen am Beginn einer neuen, besseren Welt. Sie sind sogar notwendig dafür, dass diese neue Welt überhaupt kommen kann. Das ist eine Selbstbeschreibung von Jesus – und eine Beschreibung von allen, die ihm auf diesem Weg folgen.
Ein anderes Beispiel ist die Kunst. Die beste Kunst wird von Leuten gemacht, die nicht happy sind. Leid führt in die Tiefe, und in der Tiefe lassen sich große Schätze bergen. Wem es gelingt, aus der Tiefe wieder aufzutauchen, der bringt sie mit.
Das ist die Macht, von der Jesus redet, die ihm übertragen worden ist. Es ist eine Macht mit dem Mut zur Ohnmacht. Die aber nicht ohnmächtig bleiben wird, weil Gott es so bestimmt, dass sie ihr Ziel erreicht. Auch wenn es oft nicht so aussieht. Auch wenn in einem einzelnen Leben, in individuellen Fällen keine glückliche Auflösung stattfindet. Es ist ein Weg, der sich nicht unbedingt am einzelnen Schicksal bewahrheitet, sondern oft erst in der Summe aller Schicksale.
Das finden wir unbefriedigend. Wir denken individuell. Wir hoffen, dass alle Zusagen und alle Versprechen sich in einem Leben verwirklichen, am besten in unserem.
Aber das ist nicht gesagt, und das wird uns auch nirgendwo versprochen. Wir sind nicht nur Individuen, sondern wir sind auch Teil einer Gemeinschaft. Und diese Gemeinschaft wird ihr Ziel erreichen. Weil die Auferstehung eine Tatsache ist.
Hat Jesus diese Worte jemals gesagt? Ich weiß es nicht. Aber sie sind eine gute Zusammenfassung seiner Mission, ein gutes Schlusswort. Wenn man sie richtig versteht.
Ich würde sie in meinen eigenen Worten so wiedergeben:
Alles im Himmel und auf der Erde ist mir anvertraut worden,
ich entscheide über Werden und Vergehen.
Deshalb geht nun los
und bringt Menschen dazu, mir nachzueifern,
indem ihr sie tauft
auf meinen Namen
und auf den des Schöpfers
und den der Heiligen Geistkraft
und indem ihr ihnen das beibringt,
was ihr von mir gelernt habt.
Verlasst euch drauf:
Ich bin immer bei euch
bis zum Ende dieser Welt.
