
Eigentlich sollte es ein Scherz sein: Als Jay in der gemeinsamen WhatsApp-Gruppe vorschlug, doch mal über Jesus zu reden, war das als Witz gemeint, in der Tradition alter Konfi-Sprüche. Doch Gofi nahm den Vorschlag ernst und plötzlich stand ein Thema im Raum, über das die drei – so ihr eigener Befund – in dieser Form noch nie gesprochen hatten: nicht Jesus als Randfigur einer größeren theologischen Debatte, sondern Jesus selbst, als Person, als Glaubensinhalt, als lebenslange Auseinandersetzung.
Drei Biografien, ein Name
Schnell wird klar, dass jeder der drei mit einem anderen „ersten“ Jesus aufgewachsen ist. Marco erinnert sich an den Jesus des Johannesevangeliums – erhaben, präexistent, der „Herr Jesus“ –, dem er erst später einen menschlicheren, anfassbareren Jesus zur Seite stellte, der sich um Ausgegrenzte und Schwache kümmert. Jay war der machtkritische Jesus schon als Jugendlicher wichtig, wurde ihm aber erst in den letzten Jahren konkreter – ebenso wie der jüdische Jesus, der ihm zunehmend näherkam. Gofi durchlief eine leidenschaftliche, charismatische Jesus-Phase in seinen Zwanzigern, die im Zuge persönlicher Lebenskrisen zerbröckelte; erst danach entdeckte er, unter anderem durch Reisen und Gespräche im Rahmen von Hossa Talk, den jüdischen Jesus der Evangelien neu – und empfand ihn als „gefährlich-sympathisch“.
Welche unterschiedlichen Darstellungen von Jesus finden sich in der Bibel?
Ein zentrales Motiv des Gesprächs ist die Vielstimmigkeit der biblischen Jesus-Bilder. Markus, das wahrscheinlich älteste Evangelium, gilt als vergleichsweise spröde und schmucklos – er beginnt ohne Geburtsgeschichte und legt einfach los. Matthäus wird von Jay als „Gerichtsprophet“ beschrieben und richtet sich – so die erwähnte Forschungsmeinung – vor allem an ein jüdisches Publikum; zugleich enthält er die Bergpredigt. Lukas erscheint als der „Sozialreformer“ unter den Evangelisten: Er lässt Jesus den Reichen unmissverständlich die Leviten lesen und erzählt Gleichnisse wie die vom verlorenen Schaf oder der verlorenen Münze. Johannes schließlich benutzt, wie Gofi anmerkt, eine Sprache, die dem griechisch geprägten Denken näherstand – etwa das Logos-Konzept, das auch beim jüdischen Gelehrten Philo auftaucht – und enthält als einziges Evangelium die „Ich-bin“-Worte und den Gedanken der Präexistenz Jesu. Paulus schließlich, obwohl kein Evangelist, liefert eine fünfte Perspektive: Er spricht kaum vom irdischen Leben Jesu, sondern fast ausschließlich von der Auferstehung.
Wichtig ist den dreien: Diese Unterschiede sind keine bloßen Übersetzungen ein und desselben Jesus in verschiedene Kulturkreise, sondern eigenständige Schwerpunktsetzungen – Johannes „übersetzt“ nicht einfach Markus, sondern zeichnet ein eigenes Bild. Jay erinnert dabei an Albert Schweitzers Beobachtung, dass die historische Jesus-Forschung über die Jahrzehnte immer wieder einen Jesus hervorbrachte, der den jeweiligen Forschenden erstaunlich ähnlich sah – ein Hinweis darauf, dass Jesus stets auch Projektionsfläche ist. Genau darin aber sehen die drei eine Chance: Weil die Bibel vier plus eine Perspektive nebeneinanderstellt, statt sie zu einer glatten, harmonisierten Erzählung zu verschmelzen, bleibt Jesus unverfügbar – er lässt sich nicht vollständig vereinnahmen.
Wahrer Mensch, wahrer Gott – ein Streit um eine Formel
Ein zweiter Schwerpunkt ist die altkirchliche Formel „wahrer Mensch, wahrer Gott“, wie sie beim Konzil von Nizäa im vierten Jahrhundert (mit staatlicher Einmischung) festgeschrieben wurde. Jay findet die Formel unbefriedigend: Sie benenne ein Paradox, ohne es zu erklären – wie der Rand einer Münze, der weder die eine noch die andere Seite zeigt. Er plädiert dafür, Jesus als Mensch und als Gott nacheinander zu denken, statt beides gleichzeitig zu fordern. Marco dagegen verteidigt die Formel als bewusste Errungenschaft: Gerade weil sie zwei unvereinbare Aussagen zusammenhält, verhindere sie, dass man sich einen bequemen, einseitigen Jesus zurechtbastelt. Am Ende sind sich beide einig, dass es erlaubt sein muss, sich Jesus in Etappen und aus wechselnden Blickwinkeln zu nähern.
Vom historischen Jesus zum kosmischen Christus
Gofi bringt schließlich, angeregt durch Richard Rohr, eine weitere Perspektive ein: den „kosmischen Christus“, der in allen Dingen – im Baum, im Tier, im Wald – gefunden werden kann, statt nur in der historischen Einzelperson aus Nazareth. Jay findet in Jesus eher den Ort, an dem Gott ganz konkret und nahbar wird, ohne das Abstrakte, Ferne aufzugeben. Marco wiederum verortet sich zwischen beiden Polen: fasziniert vom kosmischen, mystischen Zugang, aber ebenso angewiesen auf die konkrete Gestalt, das Gesicht, die Geschichte.
Am Ende des Gesprächs steht kein einheitliches Bekenntnis, sondern eine geteilte Überzeugung: Der Reichtum des christlichen Jesus-Glaubens liegt gerade darin, dass er sich nicht auf eine einzige Formel oder Perspektive reduzieren lässt – und dass genau das, nach 2000 Jahren, immer noch zum Nachdenken, Streiten und Glauben einlädt.
Fragen zum Weiterdenken
- Mit welchem „Jesus“ bist du selbst aufgewachsen – eher mit dem erhabenen, göttlichen Jesus des Johannes, dem sozialkritischen Jesus des Lukas oder einer ganz anderen Prägung? Und hat sich dieses Bild im Laufe deines Lebens verändert?
- Der Artikel beschreibt die Formel „wahrer Mensch, wahrer Gott“ als ein Paradox, das man nicht auflösen, sondern aushalten soll. Findest du das hilfreich oder eher unbefriedigend? Brauchst du selbst eher klare Formeln oder lässt du offene Spannungen lieber stehen?
- Jay, Marco und Gofi entdecken jeweils unterschiedliche Zugänge zu Jesus – den historischen, den jüdischen, den kosmischen. Welcher Zugang spricht dich persönlich am meisten an, und was würde dir fehlen, wenn du dich nur auf einen davon beschränken würdest?
(Der Artikel und die Fragen wurden mit der Hilfe von Claude.ai erstellt.)
