
Anna Böck ist Pfarrerin – auch wenn sie für diesen Titel längst kein Gehalt mehr bekommt. Vor vier Jahren hat sie den kirchlichen Fahrdienst verlassen und arbeitet seitdem für einen Verlag, der auch ihre eigenen Bücher herausbringt. Aber ein Amt, sagt sie selbst, legt man nicht einfach ab. Und ihr Glaube hat sie in den vergangenen Jahren an einen Ort geführt, den man von einer Pfarrerin nicht unbedingt erwartet: auf die Straße, festgeklebt, in polizeilichem Gewahrsam, vor Gericht. Im Gespräch erzählt sie, wie aus einer kleinen Jugendgruppe in Südthüringen ein politisches Erwachen wurde, warum sie mit dem Wort „Hoffnung“ fremdelt – und warum ihr Aktivismus für sie keine Privatmeinung ist, sondern direkt aus ihrem Glauben folgt.
Vom Jugendkeller zur Straße
Annas Weg in den Aktivismus begann nicht mit einer großen Entscheidung, sondern mit einer kleinen Gruppe Jugendlicher. In ihren letzten Jahren im kirchlichen Fahrdienst machte sie vor allem Jugendarbeit, unter anderem in Erfurt und Südthüringen – mit vollem Herzen, wie sie sagt. In einem Jugendkeller stolperte eines Tages eine Gruppe junger Menschen bei ihr hinein, die eine Ortsgruppe von Fridays for Future gründen wollten. Was daraus wurde, beschreibt sie als eine Politisierung, die sehr viel losgetreten hat. 2023 saß sie schließlich dreimal mit der Letzten Generation auf der Straße – jener Protestbewegung, die durch Sitzblockaden und das Festkleben auf Fahrbahnen bundesweit für Aufsehen und Kontroversen sorgte, bevor sie sich Anfang 2024 von dieser Form des Protests verabschiedete.
Drei Stunden in einer Zelle
Wie so eine Aktion abläuft, beschreibt Böck sehr konkret. Man steht zunächst, bis die Polizei eintrifft – sich sofort hinzusetzen sei zu gefährlich, weil Passantinnen und Passanten Aktivistinnen körperlich angreifen könnten; genau das war kurz vor ihrer ersten Aktion in ihrer Region passiert. Erst wenn die Polizei da ist, wird gesetzt und geklebt, meist mit Sekundenkleber. Was danach geschieht, ist unterschiedlich: Manchmal wird man nach wenigen Minuten weggetragen, manchmal dauert es länger. Bei einer Aktion kam Böck in Gewahrsam und saß drei Stunden in einer Zelle, die sie nicht verlassen konnte – gefliest, mit einer Turnmatte zum Liegen und einer offenstehenden Toilette. Sie beschreibt das Warten auf den ihr zustehenden Anruf, der sich immer wieder verschob, und wie unangenehm harte Kontaktlinsen wurden, die sie trug, weil eine Brille bei einer Aktion zu leicht kaputtgehen oder zur Gefahr werden kann. Nach Fotos und Fingerabdrücken kam für sie das, was sie an der Bewegung besonders schätzen gelernt hat: Beim Herauskommen wartete eine Gruppe von Unterstützerinnen, die jubelte, und ein „Checkout“, ein gemeinsames Gespräch darüber, wie es einem gerade geht – ein bewusster Versuch der Bewegung, aufeinander zu achten und Überlastung vorzubeugen. Ihre beiden Gerichtsverfahren wurden am Ende jeweils gegen eine Auflage eingestellt, weder Freispruch noch Verurteilung: eine Geldspende im dreistelligen Bereich, in ihrem Fall an die Tafel Gelsenkirchen und die Deutsche Umwelthilfe.
Gewaltfrei, aber nicht folgenlos
Für Anna ist entscheidend, dass ihr Handeln gewaltfrei bleibt, auch wenn es illegal ist – juristisch gesehen Nötigung im Straßenverkehr. In den Trainings der Bewegung wurde eingeübt, auf Anfeindungen nicht zu reagieren, keine Autobahnen ohne Rettungsgasse zu blockieren und den Verkehr kontrolliert abzubremsen, statt ihn abrupt zu stoppen. Sie grenzt das bewusst ab von historischen Formen des Protests, die Sachschäden oder Unfälle in Kauf nahmen. Auch den vieldiskutierten Fall aus Berlin, bei dem ein Rettungswagen angeblich durch eine Blockade aufgehalten wurde und eine Frau starb, ordnet sie ein: Die behandelnde Ärztin habe später gesagt, die Frau wäre in jedem Fall gestorben, und es seien noch mehrere andere Faktoren im Spiel gewesen. Der Tod einer Frau sei furchtbar, sagt Anna – und trotzdem bezeichnet sie ihre eigene Aktionsform als gewaltfrei. Ihre biblische Begründung sucht sie nicht in erster Linie in den bekannten Bibelstellen zur Unterordnung unter die staatliche Obrigkeit im Römerbrief.
„Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet.“
Römer 13,1 (Lutherbibel 2017)
Diese Stellen kennt sie gut, sagt sie, aber die Bibel biete noch viel mehr: Über Jahrhunderte hinweg entstanden, setze sie sich immer wieder für die ein, die an den Rand gedrängt sind – und Jesus selbst habe sich nicht an jede Regel gehalten. Für Anna ist das kein Freibrief, sondern eine Abwägung: Wenn politische Entscheidungen dazu beitragen, den Planeten kollektiv zu zerstören, dann sei das für sie ebenfalls eine Form von Gewalt – etwa wenn Autofahren in Deutschland so privilegiert wird, dass es kein Tempolimit gibt, während sie selbst, autofrei lebend, die Folgen mittrage. Diese strukturelle Gewalt stellt sie dem gegenüber, was sie selbst tut: sich hinsetzen, ohne jemanden zu verletzen oder etwas zu zerstören.
Gerechtigkeit als roter Faden
Anna kommt, wie sie erzählt, glaubensmäßig aus einem klassischen württembergischen Pietismus – einer frommen, auf persönliche Bekehrung und ein diszipliniertes Glaubensleben ausgerichteten Strömung des Protestantismus, in der Umweltthemen keine große Rolle spielten. Familiär dagegen wuchs sie in einem eher grün geprägten Haushalt auf; ihr Vater arbeitete Anfang der Neunzigerjahre in Berlin für einen Bündnis-90-Abgeordneten. Diese Prägung geriet für sie zeitweise in den Hintergrund, als sie sich als junger Mensch bekehrte und sich stark in Mission und Evangelisation engagierte – wobei sie betont, nie in einem toxischen Evangelikalismus verankert gewesen zu sein. Die Sehnsucht ihrer Herkunftsfamilie, sagt sie, habe sie später in ihrem eigenen Glauben wiedergefunden. Ihre eigentliche Motivation ist für sie aber nicht in erster Linie eine romantische Naturverbundenheit, auch wenn sie inzwischen für Werbeaktionen ihres Buches Bäume umarmt hat und gern im Pfälzer Wald wandert, wo sie heute lebt. Ihr zentrales Thema, theologisch wie politisch, ist Gerechtigkeit: Wer ohnehin schon am Rand der Gesellschaft steht, wird von der Klimakatastrophe zuerst und am härtesten getroffen. Wer sich in Europa ein Auto leisten kann – selbst als alleinerziehende Person mit mehreren Jobs –, gehört global gesehen bereits zu den Gewinnerinnen und Gewinnern.
Teil der Schöpfung, nicht ihre Krone
Ein zweiter theologischer Gedanke ist Anna besonders wichtig, und sie holt dafür weit aus: Wenn Menschen sagen, „wir müssen das Klima retten“, hält sie das für eine im Grunde vermessene Haltung, weil sie den Menschen aus der Schöpfung heraushebt. In der sogenannten Schöpfungstheologie – dem Nachdenken darüber, wie Gott, Mensch und Welt zueinanderstehen – wird der Mensch traditionell gern als „Krone der Schöpfung“ beschrieben, oft illustriert mit bunten Bildern aus dem Kindergottesdienst. Genau das, sagt Anna, stehe so aber nirgends in der Bibel. Der biblische Schöpfungsbericht erzählt vielmehr, dass Menschen am sechsten Tag gemeinsam mit den Tieren geschaffen wurden:
„Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.“
1. Mose 1,26 (Lutherbibel 2017)
Der Mensch sei zwar von Gott besonders hervorgehoben, so Anna, aber eben nicht in dem Maß, das die Vorstellung von der „Krone der Schöpfung“ suggeriert. Solange Menschen sich nicht als Teil der Natur begreifen, sondern Natur immer nur als das verstehen, „was da draußen ist“, bleibt Klimaschutz für sie eine falsch gestellte, allzu heroische menschliche Mission. Treffender findet sie die nüchterne Feststellung: Es geht nicht darum, die Welt zu retten – der Planet kommt auch ohne Menschen gut zurecht –, sondern um das Überleben der Menschheit selbst. Wissenschaftlich sei inzwischen weitgehend Konsens, dass das 1,5-Grad-Ziel verfehlt ist, sagt Anna, und dass es künftig mehr Todesopfer geben wird; sie verweist auf mehr als 40.000 Hitzetote, von denen zuletzt in diesem Sommer in Europa die Rede war. Wie genau sich sogenannte Kipppunkte auswirken – also Schwellen im Klimasystem, ab denen Veränderungen unumkehrbar werden –, lasse sich naturwissenschaftlich zwar nicht immer exakt vorhersagen, ihr grundsätzliches Bestehen aber schon.
Mut statt Hoffnung
Bei fast jeder Lesung wird Anna dieselbe Frage gestellt: Als Pfarrerin müsse sie doch Hoffnung haben. Die säkulare Variante dieser Frage kennt nach ihren Worten auch die Klimaaktivistin Luisa Neubauer – „Sie sind doch noch so jung, Sie müssen doch Hoffnung haben“ –, und beide Frauen tun sich mit dieser Erwartung schwer. Für Anna ist „Hoffnung“ im kirchlichen Sprachgebrauch oft ein allzu glatter Begriff geworden: die Vorstellung, es werde schon irgendwie alles gut, Gott habe die Geschichte im Griff. Das findet sie nicht tragfähig genug angesichts einer Realität, über die sie im Gespräch ausführlich spricht. Statt Hoffnung bringt sie deshalb lieber die Begriffe Mut und Angst ins Spiel: Es brauche nicht in erster Linie Hoffnung, sondern den Mut, sich der Lage zu stellen. Glaube, sagt sie, erzählt ja ohnehin nicht nur von hoffnungsfroh durchs Leben gehenden Gestalten, sondern gerade auch davon, in dunklen Zeiten, in denen Gott kaum zu erkennen ist, dennoch Substanz zu haben. Wenn man das „Hoffnung“ nennen wolle, dann müsse diese Hoffnung aushalten können, dass es gerade keine einfache Perspektive gibt – außer der, die Lage vielleicht ein wenig abzumildern und sich zu fragen, was für Menschen man sein möchte. Eine oberflächlichere Hoffnung führe dagegen zwangsläufig in Enttäuschung und Vertröstung, in ein Wegschauen. Dass Menschen die Klimakrise so oft verdrängen, erklärt sie auch psychologisch: Das menschliche Gehirn sei auf akute, kurze Krisen mit Adrenalinausstoß eingerichtet, nicht auf einen Dauerzustand – ein Befund, auf den sich unter anderem die Initiative Psychologists for Future beruft.
Kollapscamps und neue Formen des Widerstands
Anfang 2024 hat sich die Letzte Generation in Deutschland von den Straßenblockaden verabschiedet – nicht, wie Anna betont, mit dem Satz „wir geben auf“, sondern mit der nüchternen Feststellung, das 1,5-Grad-Ziel bereits gerissen zu haben. Vor Gericht landen bis heute fast täglich Aktivistinnen und Aktivisten wegen der damaligen Aktionen, und die Bewegung selbst hat sich seither aufgefächert: Manche erproben im Kleinen demokratische Formen, die sie sich für die Gesellschaft im Großen wünschen würden, andere setzen ihren Protest in anderer Form fort. Besonders stark vernetzt sich die Bewegung inzwischen in sogenannten Kollapscamps – mehrtägige Treffen, bei denen es nicht um Vorträge geht, sondern um gemeinsames Üben und Besprechen: Wie verbünden wir uns, welche Fähigkeiten brauchen wir, wie können wir eher lokal als global denken, wenn gesellschaftliche Erschütterungen kommen? Dass ein Klimakollaps in irgendeiner Form kommt, sei naturwissenschaftlich weitgehend unstrittig, sagt Anna – offen sei nur, wie stark er ausfällt und ob manche Kipppunkte, etwa beim Golfstrom, nicht längst überschritten sind, ohne dass man es sicher nachweisen könnte. In diesem Rahmen geht es ihr um Gerechtigkeit im Kollaps: füreinander da zu sein und sich mit den eigenen Fähigkeiten gegenseitig zu unterstützen, statt jede und jeden allein mit der Lage zu lassen.
Ein Kapitel ihres Buches hat Anna nach eigener Aussage bewusst nicht allein geschrieben. Sie hatte auf Instagram gefragt, wie andere den Satz „Ich träume von einer Welt …“ vervollständigen würden, und die Antworten mit aufgenommen – weil ihre eigene Antwort ihr allein zu kurz gegriffen erschien. Im Buch stehen diese Stimmen als Sprechblasen nebeneinander, drei davon bewusst leer gelassen, zum Selbst-Ausfüllen. Genau diese Geste – Gemeinschaft statt einsamer Antwort, ein offenes Ende statt einer fertigen Lösung – lässt sich auch als Einladung an eine Gesprächsgruppe lesen: nicht, um Annas Aussagen zuzustimmen oder sie abzulehnen, sondern um gemeinsam weiterzudenken.
Fragen zum Gespräch
- Anna Böck sagt: „Wir müssen keine Hoffnung haben“ – und stellt dem lieber den Begriff Mut gegenüber. Was unterscheidet für dich Hoffnung von Mut, und welcher Begriff trägt in schwierigen Zeiten mehr?
- Anna beschreibt politische Entscheidungen – etwa das Autoprivileg ohne Tempolimit – als eine Form von Gewalt, die ihr widerfährt, während sie ihre eigenen, illegalen Straßenblockaden als gewaltfrei bezeichnet. Wo verläuft für dich die Grenze zwischen zivilem Ungehorsam und Gewalt? Wie hilfreich findest du den Begriff der strukturellen Gewalt für diese Frage?
- Anna sagt, der Mensch sei nicht die „Krone der Schöpfung“, sondern gemeinsam mit den Tieren am sechsten Tag geschaffen worden – Teil der Schöpfung, nicht ihr Herrscher von außen. Was verändert sich in deinem Verständnis von Verantwortung für die Erde, wenn du dich selbst nicht als Retterin oder Retter der Schöpfung begreifst, sondern als Teil von ihr?
